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Die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung fördert Erschreckendes zutage: Eine Million Arbeitsunfälle gab es im Jahr 2007. Ein jeder mit mehr oder weniger schlimmen persönlichen und finanziellen Folgen. Unfälle kosten der Volkswirtschaft jedes Jahr zwischen 15 und 20 Milliarden Euro als Folge von Unachtsamkeit, mangelndem Wissen und/oder fehlender Ausrüstung am Arbeitsplatz. Doch die Zahlen relativieren sich schnell, wenn man in die Vergangenheit schaut. „Die Zahl der Arbeitsunfälle hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als halbiert“, sagt Dr. Rainer von Hagen, Prokurist der unabhängigen Stiftung Det Norske Veritas (DNV). Das ist ein Resultat einer stetig besser werdenden Sicherheitskultur am Arbeitsplatz.
Zu verdanken ist das auch den Sicherheitsmanagementsystemen, die immer häufiger in Unternehmen zum Einsatz kommen. Ein solches haben die Ford-Werke Köln im Jahr 1994 eingeführt. Gestützt auf das Loss Control Management System von DNV wurden die Methoden von DNV modifiziert und auf die Bedürfnisse des Unternehmens abgestimmt. Mit positiven Folgen: 2001 gab es noch 1,9 Unfälle pro zwei Millionen geleisteter Arbeitsstunden, im Jahr 2007 waren es bei der gleichen Anzahl an Arbeitsstunden nur noch 0,5 Unfälle.
„Prävention steht bei uns an erster Stelle“, sagt Manfred Kalmes, seit 1987 Sicherheitskoordinator bei den Kölner Ford-Werken und seit 2001 Koordinator Safety & Ergonomics Process für Ford in Europa. Mithilfe der sogenannten SHARP-Strategie (Safety Health Assessment Review Process) konnten ständige Verbesserungen erreicht werden. Dabei spielt die Gefährdungsanalyse natürlich eine zentrale Rolle. Sie wird nicht nur für Standardtätigkeiten in der Produktion und anderen Bereichen erstellt, sondern reicht bis zur Identifikation von spezifischen Gefährdungen bei ungeplanten Instandhaltungstätigkeiten.
Die Vermeidung von Unfällen und den daraus folgenden Arbeitsausfällen – laut Berufsgenossenschaft kostet jeder ausgefallene Arbeitstag plus ärztlicher Behandlung etwa 500 bis 1.000 Euro – ist auch aus Wettbewerbsgründen überaus wichtig. Organisationen und Unternehmen legen immer mehr Wert auf hohe Standards in Sachen Arbeitssicherheit. Flottenkunden wie die Polizei oder die Feuerwehr erkundigen sich mittlerweile nach Sicherheitskonzepten. Wie weit Ford in Sachen Arbeitssicherheit fortgeschritten ist, zeigt die Tatsache, dass das Thema „Safety“ bei jeder Besprechung an erster Stelle der Tagesordnung steht. Im vergangenen Jahr führte Ford eine europaweite Kampagne zum Thema Sicherheitskultur durch. Teil dieser Kampagne waren Plakataktionen an den verschiedenen Standorten. Außerdem wurde der Belegschaft ein eigens gedrehter Film „Ich habe weggesehen“ (im Original: „I chose to look the other way“) vorgeführt. Darin geht es um einen tödlichen Arbeitsunfall, der mithilfe abschreckender Bilder detailliert beschrieben wird. Die Arbeiter hatten nach der Vorführung Gelegenheit, mit ihren Vorgesetzten die Inhalte des Films zu besprechen. „Der Film sollte die Mitarbeiter darauf aufmerksam machen, was sie selbst für andere tun können, um Unfälle zu vermeiden“, so Kalmes.
In der Umsetzung des Arbeitsschutz- Managements gibt es bundesweit dennoch große Unterschiede, obwohl Unternehmen gesetzlich dazu verpflichtet sind, die Sicherheit und Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu gewährleisten. „Zahlreiche Unternehmen betrachten Arbeitsschutz wegen der mit ihm verbundenen Bürokratie als Kostenfaktor“, sagt Gerd Albracht, Arbeitsschutzexperte der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dabei gilt es mittlerweile als erwiesen, dass systematischer Arbeitsschutz die Produktivität in der Fertigung, die Qualität der Produkte und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit steigert. Eine Studie der ILO aus dem Jahr 2007 hat nachgewiesen, dass verbesserter Arbeitsschutz die Fehlzeiten senkt und die Unternehmen so eine Menge Geld sparen.
Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt sich DNV intensiv mit dem Thema Arbeitssicherheit. Die von dem Unternehmen entwickelten Sicherheitsstandards und Tools tragen seitdem dazu bei, dass die Risiken gesenkt werden und Arbeitsunfälle sowie Sachschäden in den vergangenen Jahren permanent rückläufig sind. „Erfolgreiche Unternehmen bemühen sich aktiv, Arbeitsunfälle sowie Sach- und Umweltschäden zu vermeiden“, so DNV-Mann von Hagen. Eine effektive Sicherheitskultur sei Voraussetzung für Spitzenleistungen der jeweiligen Mitarbeiter. Im Zentrum einer guten Sicherheitskultur steht das Loss Control Management, mit dessen Hilfe Risiken und Gefahren präventiv erkannt und vermieden werden sollen. Eine wichtige Methode des Loss Control Managements ist das Ratingtool ISRS (International Sustainability Rating Systems). Die erste Version von ISRS entwickelte DNV bereits im Jahr 1976; seitdem wurde es permanent modifiziert. „ISRS dient vor allem zur Bewertung, zur Verbesserung und zum Nachweis der Leistungsfähigkeit von Unternehmen“, sagt Rainer von Hagen. Risiken sollen früh erkannt und minimiert werden. „Wir wollen verhindern, dass Schäden überhaupt erst entstehen.“
Auch internationale Standards helfen bei der Prävention: Dazu gehört unter anderem das Zertifikat für Fremdfirmen (Kontraktoren) SCC (Safety Certificate Contractors). SCC betrifft grundsätzlich jedes Unternehmen, das auf dem Gelände eines mineralölverarbeitenden Betriebes oder der chemischen Industrie tätig ist. Dazu gehören Baufirmen, Wartungs-, Installationsfirmen sowie Transport- und Entsorgungsunternehmen. Gerade in diesen sehr sensiblen Branchen kommt es darauf an, Risiken zu minimieren und dem Auftraggeber ein hohes Maß an Sicherheit zu gewährleisten. Das SCC-Zertifikat belegt, dass Arbeiten mit hohem Risikopotenzial von einem kompetenten Unternehmen mit umfassendem Sicherheitsmanagement und somit mit einem hohen Maß an Sicherheit ausgeführt werden können. „Unser Ziel ist es, das Zertifikat auch auf andere Industriezweige auszuweiten“, hofft von Hagen. Bei dem Sicherheitsstandard OHSAS 18001 (Occupational Health- and Safety Assessment Series) ist das bereits geschehen. OHSAS ist die Zertifizierungsgrundlage für Managementsysteme zum Arbeitsschutz. Unternehmen werden nach dem Standard zertifiziert, wenn sie unter anderem Arbeitsschutzmaßnahmen umsetzen und kontinuierlich verbessern. „Wir werden auch in Zukunft daran arbeiten, die Sicherheitskultur systematisch zu verbessern“, verspricht Rainer von Hagen. Unternehmen und Mitarbeiter können davon nur profitieren.
Datum: 12 January 2010