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HomeNews & InformationenDNV:Direkt - Unser Kundenmagazin >Ausgabe 5 "Sicherheit braucht Kultur"

Sicherheit geht vor

​In vielen Unternehmen ist Sicherheitskultur nicht mehr als ein Schlagwort. Dabei ist eine ausgeprägte Sicherheitskultur Voraussetzung für den Erfolg.
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​Es war nur ein kleiner Funken. Doch der genügte. Vor zwei Jahren löste das Klingeln eines Handys bei einem Stahlbauunternehmen in Nördlingen eine Verpuffung aus. Das Klingeln hatte einen elektromagnetischen Impuls ausgelöst, der auf eine Nitroverdünnung übergriff, mit der zwei Arbeiter gerade beschäftigt waren. Beide mussten mit schweren Verbrennungen in eine Spezialklinik geflogen werden. Weniger Glück hatten zwei Arbeiter vor wenigen Wochen bei einer Spedition im nordrhein-westfälischen Hürth. Um einen Tankcontainer zu reparieren, stieg einer der Männer in den Kessel. Zuletzt war der Tank mit Methylmethacrylat gefüllt, das zur Klebstoffherstellung genutzt wird. Als der Mann das Bewusstsein verlor, kletterte ein Kollege in den Tank, um ihm zu helfen. Er wurde ebenfalls ohnmächtig. Jede Hilfe kam zu spät, die Männer starben wenig später. Warum die Arbeiter trotz anderslautender Arbeitsanweisungen und Sicherheitsbestimmungen in den Kessel stiegen, ist bis heute ein Rätsel. Klar ist nur, sie haben die Sicherheitsvorschriften missachtet.

An den Sicherheitsvorschriften lag es in beiden Fällen nicht, dass es zu den tragischen Unfällen kam. Eher an einer fehlenden Sicherheitskultur in den Unternehmen.

971.620 Menschen sind nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung im vergangenen Jahr bei Arbeitsunfällen verletzt worden. 572 Menschen kamen bei der Arbeit ums Leben. Die erfreuliche Nachricht: Beide Zahlen bedeuten einen neuen Tiefpunkt in der Statistik. Zwar hat sich die absolute Zahl der Arbeitsunfälle in Deutschland im vergangenen Jahr erhöht, doch das ist vor allem eine Folge der deutlich gestiegenen Beschäftigung. Umgerechnet auf die Zahl der geleisteten Stunden ist die Arbeit in den letzten Jahren deutlich sicherer geworden. Vor 20 Jahren gab es noch rund 32 Unfälle pro einer Million Arbeitsstunden. 2007 waren es nur noch knapp 17.

Abgesehen vom Schmerz, der Aufregung und dem Ärger bei den Betroffenen sorgt ein Unfall auch beim Arbeitgeber für hohe und unnötige Kosten. Mit 15.000 bis 20.000 Euro schlägt jeder Arbeitsunfall durchschnittlich zu Buche. Die finanziellen Folgen unterschätzen viele Unternehmen, weiß Dr. Rainer von Hagen von DNV. Die direkten Kosten für die Beseitigung von Schäden, die medizinische Versorgung und die Lohnfortzahlung sind noch erkennbar. Für sie kommen meist die Versicherungen auf, sodass sie nicht im Ergebnis sichtbar sind. Sie machen aber den geringsten Teil aus. Deutlich schwerer wiegen die unversicherten Kosten wie die Unterbrechung der Betriebsabläufe oder Umsatzrückgänge infolge eines Imageschadens. Gerade Letzter gewinnt angesichts der Umweltdiskussion immer mehr an Bedeutung. Von Hagen rechnet vor: Bei einer Umsatzrendite von fünf Prozent muss ein Unternehmen rund 200.000 Euro Mehrumsatz machen, um einen Schaden von 10.000 Euro auszugleichen. Beträgt der Schaden 50.000 Euro, so sind für den Ausgleich der finanziellen Folgen schon 1.000.000 Euro mehr Umsatz notwendig. Volkswirtschaftlich haben diese Zahlen enorme Bedeutung. Etwa 1,2 Millionen Erwerbsjahre fielen 2007 durch Arbeitsunfähigkeit aus, schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Umgerechnet auf die Lohnkosten entstand ein Produktionsausfall von etwa 40 Milliarden Euro. Den volkswirtschaftlichen Schaden schätzt die BAuA auf rund 73 Milliarden Euro. Sachschäden sind in dieser Rechnung noch gar nicht berücksichtigt. Bei großen Unfällen in Chemieanlagen, Raffinerien oder Kraftwerken kommen Umwelt- und Imageschäden hinzu, die kaum zu beziffern sind.

Beispiel Vattenfall: Nach den Pannen in den Atommeilern in Schweden und Krümmel rollten zwar werbewirksam Köpfe, die schwedische Atomaufsicht und auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel monierten bei den jüngsten Ereignissen aber erhebliche Defizite in der Sicherheitskultur des Betreibers.

Beispiel Air France: „Spiegel Online“ zitierte jüngst aus einem Papier der Air France, nach dem es in der Sicherheitskultur des Unternehmens erhebliche Mängel gibt. Bei einem Absturz einer Air-France-Maschine am Pfingstmontag vor Brasilien waren alle 228 Insassen ums Leben gekommen.

Die Untersuchungen der Unfälle zeigen immer wieder, dass Managementsysteme, die auf die Beherrschung von Arbeitssicherheitsrisiken fokussiert sind, für die Bewältigung von so großen Gefahren nicht ausreichen. Um solche Tragödien und die daraus für die Unternehmen entstehenden Belastungen zu vermeiden, ist ein systematisches Sicherheitsmanagement unerlässlich. „Erfolgreiche Unternehmen bemühen sich aktiv, Arbeitsunfälle sowie Sach- und Umweltschäden zu vermeiden. Sie haben in der Regel erkannt, dass eine ausgeprägte Sicherheitskultur Voraussetzung für Spitzenleistungen ihrer Mitarbeiter ist“, betont Rainer von Hagen.

Den Begriff der Sicherheitskultur prägte die International Nuclear Safety Advisory Group (INSAG). Die Organisation veröffentlichte ihre Untersuchung zur Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl 1986 unter dem Titel „Safety Culture“. Darin definierte die INSAG Sicherheitskultur als Zusammenspiel von Eigenschaften und Einstellungen in Organisationen und von einzelnen Menschen in Hinblick auf die Sicherheit. Sicherheitskultur zielt damit nicht nur auf die persönliche Ebene des einzelnen Mitarbeiters, sondern auch auf die organisatorischen Rahmenbedingungen. Die beliebte Ausrede, einen Unfall oder eine Tragödie auf „menschliches Versagen“ zu reduzieren, greift damit zu kurz. Ergänzend muss immer noch ein „organisatorisches Versagen“ hinzugefügt werden. Doch den systematischen Aufbau einer Sicherheitskultur betreiben die wenigsten Firmen. Meist ist Sicherheit ein Zufallsprodukt. Das bemängelte auch die INSAG. Demnach müsse die Sicherheitskultur Bestandteil der Unternehmenspolitik sein und vom Management und den Mitarbeitern gelebt werden, um erfolgreich zu sein. Auf der Ebene der Unternehmenspolitik bedeutet das, dass die Sicherheitskultur Bestandteil der gesamten Unternehmenskultur sein muss. Doch viele Firmen betrachten Sicherheit nicht als ein eigenständiges Unternehmensziel. Einen eigenen Sicherheitsmanager (Chief Security Officer) sucht man meist vergeblich.

Zweitens ist das Management gefordert. Die jeweiligen Führungskräfte sind für die Umsetzung und die Einhaltung der Sicherheitspolitik verantwortlich. „Wir haben in den meisten Firmen nicht das Problem, dass Vorschriften und Schutzausrüstungen nicht vorhanden sind“, weiß Psychologe Rainer Oberkötter. Vielmehr sei das Verhalten der Mitarbeiter und das bewusste oder unbewusste Wegschauen der Führungskräfte die Ursache für viele Unfälle. „Die Führungskräfte müssen mit in die Pflicht genommen werden“, fordert der Sicherheitsexperte.

Hilfreich ist es, das Thema Sicherheit in die Zielvereinbarungen aufzunehmen und die Zielerreichung entsprechend zu belohnen oder zu sanktionieren. Von der Schweizer Chemiefirma DuPont wird berichtet, dass nach einer verheerenden Explosion im Jahre 1818, bei der 40 Menschen starben, die Manager mit ihren Familien auf das Firmengelände ziehen mussten. Sicherheit wurde damit zu einem existenziellen Anliegen für die Führungskräfte.

Letztlich aber muss die Sicherheitskultur Einzug in die Köpfe der Mitarbeiter halten. In den meisten Unternehmen kommt die Sicherheitskultur in erster Linie durch die Anzahl der Vorschriften und Verhaltensregeln zum Ausdruck. Andere verweisen auf ihre hohen technischen Sicherheitsstandards, die selbstverständlich „übergesetzlich vorgeschriebene Maß hinausgehen“. Doch das alleine reicht nicht. Technische Mängel sind nur für rund 20 Prozent aller Unfälle und Schäden verantwortlich. Bei den restlichen 80 Prozent versagt der Faktor Mensch oder die ihn umgebende Organisation. Der laxe Umgang mit Vorschriften und das fehlende Bewusstsein für Risiken liegt in der Natur des Menschen. „Generell unterschätzen wir Risiken im Alltag und überschätzen Risiken, mit denen wir selten konfrontiert werden“, erklärt Oberkötter. Ein weiteres Problem: Wie beim Rauchen wissen die meisten Mitarbeiter, dass ihr Verhalten nicht korrekt, sogar schädlich ist. Trotzdem wird weitergemacht. Immer nach dem Motto: Es wird schon nichts passieren. Mit bloßer Aufklärung oder Verboten ist dem – wie beim Rauchen – nicht beizukommen.

Oberkötter rät, die Motivation der Mitarbeiter zu stärken. Dazu müssten sie den Wert der eigenen Gesundheit und der ihrer Kollegen erkennen. Das könne über Sicherheitstrainings und über die Schilderung von konkreten Unfällen geschehen. Betroffenheit ist dabei ein guter Lehrmeister. „In Unternehmen mit einer hohen Sicherheitskultur werden Sie immer wieder sehen, dass Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung ihre Kollegen auf falsches Verhalten hinweisen“, sagt Oberkötter. Das hätte auch die Unfälle von Nördlingen und Hürth verhindern können.

 

Datum: 12 January 2010