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Stammt der Schweinegrippe-Virus aus einem Forschungslabor? Der australische Virologe Adrian Gibbs äußerte Mitte Mai den Verdacht, der Virus hätte in einer Forschungseinrichtung gezüchtet und dann in Freiheit gelangt sein können. Beweise dafür gibt es nicht; vorgekommen ist das in der Vergangenheit durchaus.
2007 entwich in Großbritannien der Erreger der Maul- und Klauenseuche aus einem staatlichen Institut. Mängel in dem Forschungslabor waren dafür und für den anschließenden Ausbruch der Seuche auf der Insel verantwortlich. Ein paar Jahre zuvor hatte sich ein Wissenschaftler aus Singapur in einem Institut mit der Lungenkrankheit SARS infiziert. Er hatte mit dem Virus experimentiert, konnte aber rechtzeitig aufgespürt und isoliert werden.
Solche Fälle werfen regelmäßig die Frage auf, wie sicher Viren und gefährliche Bakterien wie der Milzbranderreger in den biologischen Hochsicherheits-Laboren sind.
Dr. Stephen McAdam, Leiter des Biorisiko- Programms bei DNV Research and Innovation, weiß, dass das Forschen an Organismen für Mensch und Tier gefährlich ist. Umso wichtiger ist es, die Beschäftigten, die Kontakt zu bedrohlichen Organismen oder Materialien haben, zu schützen und zu verhindern, dass die Stoffe in die Umwelt gelangen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bleibt ein Restrisiko. „Diese Fälle sind häufig auf ein Versagen im Sicherheits- Managementsystem zurückzuführen und nicht auf Mängel in der Einrichtung oder bei den eingesetzten Arbeitsmitteln“, sagt McAdam.
Entscheidend ist, wie mit der Biosicherheit und dem Bioschutz in den Laboren umgegangen wird. Beide Begriffe werden häufig als Biorisiko zusammengefasst. Die Biosicherheit soll in erster Linie verhindern, dass Menschen zu Schaden kommen. Der Bioschutz verhindert das unerlaubte Entfernen von Material aus den Einrichtungen. „Wir haben festgestellt, dass viel Wert auf die sichere Gestaltung und Konstruktion der Anlagen gelegt wird. Dagegen kann es vorkommen, dass die Frage, wie die Einrichtung geführt wird und welche Kompetenz die Beschäftigten in Bezug auf Biosicherheit und Bioschutz haben, weniger beachtet wird“, sieht McAdam die Schwachstelle. Das liege zum Teil daran, dass es schwierig sei, erfahrenes Personal zu finden, aber auch an fehlenden Rahmenbedingungen für Biorisiko-Managementsysteme. Um Biorisiken effektiv zu handhaben, seien gemeinsame Systeme nötig. „Diese Probleme gibt es in Europa und Nordamerika – in Schwellenländern können sie jedoch schwerwiegend sein“, so McAdam. Schließlich verlagern immer mehr Organisationen ihre Forschungsarbeiten und Produktionsprogramme in Schwellenländer.
Das Hauptproblem: Es fehlt immer noch an einem internationalen Standard für die Arbeitsweise in Sicherheitslaboren. Darum initiierte DNV im Jahr 2005 ein internationales Projekt, um gemeinsam mit den europäischen und amerikanischen Seuchenbehörden sowie der WHO den Laboratory Biorisk Management Standard (CWA 15793:2008) zu entwickeln. Der Standard, der als Referenzdokument Ende 2008 veröffentlicht wurde, soll Anforderungen zur Steuerung von Risiken definieren, die in Laboren und Anlagen auftreten können. Das umfasst vor allem die Bearbeitung, Lagerung oder Entsorgung biologisch wirkender Substanzen (Agenzien) und giftiger Stoffe (Toxine). Organisationen müssen nachweisen, dass sie geprüfte Vorgehensweisen zur Risikoreduzierung eingeführt haben und diese umsetzen. Der Standard ergänzt damit die derzeitigen Richtlinien der WHO und erweitert bestehende nationale Regelungen. So sollen sicherheitsbewusste Arbeitsvorgänge in Sicherheitslaboren begünstigt und Organisationen mit einem Hilfsmittel ausgestattet werden, das für interne Prüfungen und die Zertifizierung von Anlagen und Managementsystemen durch Dritte geeignet ist. Da der Standard auf einem traditionellen Ansatz für Managementsysteme basiert, können Regulierungsbehörden, Geldgeber und die Gesellschaft sicher sein, dass angemessene Verfahren zum verantwortungsvollen Umgang mit Biorisiken im Einsatz sind.
Das Interesse von Betreibern auf der ganzen Welt an einem solchen Standard ist groß. Das zeigte eine Tagung im vergangenen Jahr im indonesischen Jakarta, an der neben dem UN-Referat zur Umsetzung des BWÜ (Übereinkommen über das Verbot biologischer Waffen), DNV und dem in Indonesien führenden, nationalen Forschungslabor Eijkman Institute mehr als 70 Vertreter aus 17 Ländern teilnahmen.
Auf der Tagung wurde der Bedarf der Länder in dieser Region deutlich, ihre Kompetenzen in Sachen Biorisiko-Management zu verbessern. Zudem wurde zu einer intensiveren Zusammenarbeit der Staaten aufgerufen. „Wir müssen unsere Bemühungen koordinieren und harmonisieren. Wenn wir das im Gedächtnis behalten, ist diese Tagung ein wichtiger Schritt nach vorn“, sagte Richard Lennane, Leiter des UN-Referats. Es sei dringend geboten, sich dieser Herausforderung gemeinsam zu stellen. Biologische Risiken würden nicht nur von natürlich auftretenden Krankheiten ausgehen, auch Unfälle, fehlende Aufmerksamkeit oder fahrlässiges Handeln hätten ein Gefahrenpotenzial. Weltweit wächst die Angst, dass Terroristen todbringende Viren oder Bakterien aus Laboren entwenden und damit Städte und ganze Staaten bedrohen könnten. „Betrachtet man dieses Spektrum, wird deutlich, dass es vergebens ist, gegen diese Risiken individuell als isolierte Bedrohungen anzugehen“, betonte Lennane.
DNV-Experte McAdam ist sich sicher, dass die gefährdeten Labore die Biosicherheit und den Bioschutz verbessern können, wenn sie die Anforderungen des Laboratory Biorisk Management Standards erfüllen. „Der Standard soll sensibilisieren und das Bewusstsein schärfen. Internationale Standards können zudem für die Entwicklung nationaler Regelungen, Richtlinien und Maßgaben eine Rolle spielen“, so McAdam.
Seine Schlussfolgerung: „Wir müssen das Problem gemeinsam in Angriff nehmen, da es in den Regionen, die damit kämpfen, die Probleme möglicher globaler Belastungen in den Griff zu bekommen, einen wachsenden Bedarf an Unterstützung gibt – und das wird künftig noch zunehmen.“
Autor: Stuart Brewer und Alexander Heinzte
Datum: 12 January 2010