Pachauri ist ein ruhiger, freundlicher Mensch. Trotz seines vollen Terminkalenders nimmt er sich reichlich Zeit, um seine Einschätzung zum Klimawandel darzulegen. Dabei wird schnell klar, wie leidenschaftlich sein Engagement für das Thema ist. Sein Ton wird ernst, als er erklärt, wie der Klimawandel zu einer Bedrohung für den Frieden werden kann. „Zunächst einmal wird die Zahl und Intensität extremer Wetterereignisse steigen“, sagt der Klimaexperte. Schon der Orkan Katrina, der 2005 in den USA wütete, habe deutlich gezeigt, dass solche Ereignisse selbst auf gut funktionierende Gesellschaften zerstörerisch wirken – sogar zeitweise zum Zusammenbruch von Recht und Gesetz führen. „Einige Menschen werden solche Situationen immer wieder für ihre Zwecke ausnutzen wollen, indem sie Gewalt und Terror ausüben“, warnt Pachauri.
Wanderbewegung großer Bevölkerungsteile
Eine weitere unmittelbare Gefahr für den Frieden geht seiner Meinung nach von den Wanderbewegungen großer Teile der Bevölkerung aus. Was er entwirft, klingt wie eine Horrorvision: Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen werden tief greifende Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben und Menschen zwingen, landwirtschaftlich genutzte Gebiete zu verlassen. Der Meeresspiegel wird steigen und, vor allem in Deltagebieten mit hoher Bevölkerungsdichte, die Menschen direkt bedrohen. Die Menschen werden gezwungen sein, in andere Regionen abzuwandern. Solche großen Bevölkerungsbewegungen würden unausweichlich zu Konflikten führen, meint Pachauri. Der Völkermord im afrikanischen Darfur sei ein erstes Beispiel dafür.
„Der Klimawandel wird den Druck auf schwache und arme Teile der Bevölkerung noch verschärfen. In unseren Berichten schätzen wir, dass allein in Afrika 75 bis 250 Millionen Menschen durch Wasserknappheit bedroht sein werden, was möglicherweise Kämpfe um Wasservorräte zur Folge hat. Dies ist in besonderem Maße eine ethische Frage, da es in Industrienationen und Entwicklungsländern gleichermaßen die Armen sind, die am meisten leiden werden“, so Pachauri.
Neue Vereinbarungen nach Kyoto-Protokoll
Für seinen Kampf gegen diese Entwicklung bekam Pachauri, stellvertretend für den Weltklimarat, im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis. Doch der Rat verbuchte kürzlich einen weiteren, bedeutsamen Erfolg. Der Weltklimagipfel in Bali im vergangenen Dezember verwendete die Berichte des Rates erstmals als Diskussionsgrundlage. „Und zum ersten Mal stellte niemand die Gültigkeit der wissenschaftlichen Belege in Frage“, freut sich Pachauri. Mit der Bali-Konferenz begann ein Prozess, der bis zur Konferenz in Kopenhagen 2009 fortgeführt werden soll. Dort wollen die teilnehmenden Länder ein neues Abkommen vereinbaren und neue Ziele festlegen, die das 2012 endende Kyoto-Protokoll ersetzen sollen. Wenn sich die USA an einem neuen Abkommen beteiligten, würden die Emissionshandelsmärkte enorm expandieren und es werde einen wesentlich größeren Kohlenstoffmarkt sowie höhere Preise für Kohlenstoff geben, hofft Pachauri. Dies sei entscheidend, um den Klimawandel abzuschwächen. Ein wesentlich höherer Kohlenstoffpreis mache neue Technologien mit niedrigem CO2-Ausstoß und erneuerbare Energien wirtschaftlich rentabel und somit zu einer echten Alternative zu fossilen Brennstoffen. „Der Prozess der Entscheidungsfindung des CDM (Clean Development Mechanism; Mechanismus der indirekten Kohlendioxid- Einsparung – die Red.) muss wesentlich effizienter werden“, fordert Pachauri. Für einen funktionierenden Kohlenstoffmarkt seien aber unabhängige Dritte, wie DNV, notwendig. Sie können Projekte validieren und die Reduzierung von Schadstoffemissionen messen und verifizieren. „Dies ist eine äußerst wichtige Rolle, die noch mehr an Bedeutung gewinnen wird, je mehr der Markt wächst“, so Pachauri.
Technologien zur Rettung des Klimas sind verfügbar
Nach Berechnungen des Weltklimarates sind die Kosten moderat, wenn sofort gehandelt wird. Die Technologien zur Rettung des Klimas seien bereits verfügbar oder stünden kurz vor ihrer wirtschaftlichen Nutzung. Eine dieser Technologien ist die CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS: Carbon Capture and Storage). Laut Pachauri könne diese Technik einen bedeutenden Beitrag zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes liefern. Es werde aber noch etwas Zeit brauchen, bis diese Technologie kommerziell verfügbar sein werde. Dann aber bestehe kein Zweifel daran, „dass CCS eine sehr bedeutende Rolle spielen wird, allerdings als eine von vielen Lösungen“, so seine Einschätzung. Die Erkenntnisse des Klimarates richten sich zwar in erster Linie an politische daher auf, ihren Teil zur Abschwächung Entscheidungsträger, viele Aspekte sind jedoch auch für Unternehmen von Bedeutung. Die Berichte liefern Einschätzungen, welche Technologien vielversprechend sind, zudem helfen sie Unternehmen bei der Planung ihrer Investitionen in solche Technologien.
„Mir ist bewusst, dass Unternehmen diese Einschätzungen selbst vornehmen, aber der vierte Sachstandsbericht bringt alle Erkenntnisse in einen Rahmen und bietet so eine wesentlich breitere Informationsgrundlage, auf der Firmen ihre Entscheidungen treffen können“, erklärt Pachauri. Demnach müssen Unternehmen Wege finden, ihre Prozesse ökologischer zu gestalten und Emissionen zu verringern. Ebenso werden sie überlegen müssen, welche Auswirkungen der Anstieg des Meeresspiegels, extreme Wetterereignisse, Niederschläge und Hitzewellen auf ihr Geschäft haben werden. Betriebe, die auf die Agrarwirtschaft angewiesen sind, werden die Auswirkungen der Klimaveränderung auf landwirtschaftliche Nutzflächen und somit auch auf die Preise von Rohstoffen bedenken müssen. Industriezweige, deren Produktion in großem Maß auf Wasser angewiesen ist, werden mit Wasserknappheit umzugehen haben.
Verifizierung der Umwelt-Unternehmensaktivitäten durch unabhängige Dritte
„Die meisten Unternehmen werden sich auf die eine oder andere Weise anpassen müssen“, sagt Pachauri. Für die Firmen ist die Investition in den Umweltschutz ein gutes Geschäft. Der Druck von Kunden auf Unternehmen wächst, ihr „grünes Engagement“ zu kommunizieren. Pachauri ruft Unternehmen daher auf, ihren Teil zur Abschwächung des Klimawandels beizutragen. Sein Rat: Unternehmen sollten ihre Initiativen zum Umweltschutz von unabhängiger Seite verifizieren lassen, um ihre Anstrengungen noch glaubwürdiger zu machen.
Datum: 21 October 2008