Die Liberalisierung der Schienenverkehre schreitet in ganz Europa voran, wenn auch in unterschiedlich schnellen Schritten. Mit der Öffnung wird auch der Wettbewerb zwischen den Bahnunternehmen zunehmen. Nicht nur die Kunden werden die Qualität der Anbieter dann noch genauer prüfen. Auch bei Bahnbetreibern und Herstellern wächst seit Jahren der Anspruch an eine systematische Qualitätssicherung. Vor drei Jahren riefen die Firmen Bombardier, Siemens Transportation und Alstom daher eine Initiative ins Leben, die einen einheitlichen Qualitätsstandard für Schienenfahrzeuge entwickelte. Analog zur ISO/TS 16949 der Automobilindustrie soll der International Railway Industry Standard (IRIS) für die Bahnbranche eine Ergänzung zur ISO 9001 darstellen. Allerdings erweitert um die spezifischen Anforderungen der Schienenindustrie.
Aufbau einer IRIS-Datenbank
So berücksichtigt der IRIS-Standard zum Beispiel den langen Lebenszyklus der Schienenfahrzeuge von teilweise mehr als 30 Jahren. Zudem sind die Anforderungen an die Sicherheit im Bahnbereich sehr hoch und Projekte dauern aufgrund der enormen Komplexität selten weniger als drei Jahre. Die Idee fand schnell eine breitere Basis. Der europäische Dachverband der Bahnindustrie UNIFE (Association of the European Rail Industry) spannte sich vor die Entwicklung und trieb den Standard weiter voran. Mit dem Braunschweiger Bahnzulieferer BBR – Baudis Bergmann Rösch Verkehrstechnik GmbH zertifizierte DNV weltweit das erste Unternehmen nach der Revision 01 des IRIS-Standards. „Wir haben eine zusätzliche Herausforderung gesucht und wollten einfach wissen, ob wir das schaffen können“, so Thomas Bergmann, einer der drei Geschäftsführer von BBR, zur Motivation der Zertifizierung. Doch es ging nicht nur um die sportliche Herausforderung. „Ziel war auch, dass ein unabhängiger Dritter bestätigt, dass unser Managementsystem Hand und Fuß hat“, ergänzt Bergmann. Zumal die Systemhersteller wie Alstom Transport, AnsaldoBreda, Bombardier Transportation und Siemens Transportation von ihren mehr als 1000 Zulieferern bis 2009 eine Zertifizierung nach IRIS verlangen. Damit wollen die Hersteller die Qualität über die Versorgungskette hinweg verbessern und die Kosten in Hinblick auf den zunehmenden Wettbewerb durch leistungsfähige Geschäftsprozesse senken.
Später soll IRIS auch auf die Vorlieferanten (2nd-Tier-Supplier) ausgeweitet werden, wie es in der Automobilindustrie bereits üblich ist. In den kommenden Jahren wird damit kaum ein Zulieferer ohne das IRIS-Zertifikat auskommen. Dafür sorgt schon eine extra aufgebaute IRIS-Datenbank. Diese gewährleistet den Herstellern eine schnelle Verfügbarkeit von Informationen zu den Lieferanten und damit eine höhere Transparenz des Marktes.
Deutliche Verbesserung des Qualitätsmanagement
„In den letzten Jahren hinkte die Bahnindustrie der Entwicklung hinter her“, weiß auch Michael Quambusch, Qualitätsmanager bei BBR. Während die Automobilindustrie bereits vor 15 Jahren mit der Entwicklung eines einheitlichen, weltweit gültigen Standards begann, hat die Bahnindustrie das Thema weitgehend verschlafen. Dabei bietet die IRIS-Zertifizierung den Unternehmen einige Vorteile. Für Hersteller und Zulieferer reduziert sich die Zahl der Audits, da die individuellen Lieferantenaudits in Zukunft entfallen können. Durch die kombinierte Zertifizierung nach den Kriterien der ISO 9001 reduzieren sich zudem die Kosten für den Erhalt des IRIS-Zertifikates. „Die Einsparungen waren für uns aber nicht ausschlaggebend“, betont Quambusch. Vielmehr wollte BBR die Herausforderung annehmen und als einer der ersten Lieferanten mit Zertifikat einen Wettbewerbsvorteil für sich in Anspruch nehmen. „Ich sah hier ein enormes Potenzial, um unser Qualitätsmanagement zu verbessern“, sagt Quambusch. Das überzeugte auch die Geschäftsführung. Viel Überzeugungsarbeit war laut Quambusch aber nicht notwendig. „Sie sah sofort einen vernünftigen Sinn in dem globalen Qualitätsstandard der zukünftigen IRIS Norm.“ Zumal sich bei BBR der Zusatzaufwand in Grenzen hielt. „Wir waren schon vorher einer der wenigen Lieferanten, die bereits einen hohen Sicherheitsstandard aufwiesen“, sagt Quambusch. Daher konnten viele Anforderungen der Norm mühelos erfüllt werden. Dabei verlangt die Bewertungsmethode bei IRIS deutlich mehr als die ISO 9001. In den Audits wird anhand von mehr als 250 Fragen der Reifegrad des Unternehmens ermittelt. Bei diesem Ergebnisscoring werden die Unternehmen – abhängig von der Reife des Managementsystems – in fünf Niveaus eingeordnet. Dabei reicht die Skala der Bewertung von „optimiert“ bis „ungenügend“. Entscheidend für die erfolgreiche Zertifizierung sind allerdings zwölf K.o.-Fragen, anhand derer bereits im Vorfeld die Zulassung zum Zertifizierungsaudit überprüft wird. Dazu zählen beispielsweise die Validierung der Prozesse für Produktion und Service, Design, Projektmanagement, Change-Management und die Kontrolle nichtkonformer Prozesse.
Kein einfacher Weg
Einfach war der Weg für Qualitätsmanager Quambusch nicht. Den Mitarbeitern mussten die Erweiterungen zur ISO 9001 schmackhaft gemacht werden. Die meisten Schwierigkeiten hatte Quambusch aber mit den Formulierungen im IRIS-Fragenkatalog. „Hier konnte ich mir damit weiterhelfen, dass ich anhand der vordefinierten Antworten die Frage interpretierte.
Da dies nicht immer möglich war, telefonierte ich mit dem Auditor, um weitere Informationen zu bekommen. Im Internet gab es zu diesem Zeitpunkt recht wenig brauchbares Material, sodass man Aufgrund der noch sehr „jungen“ IRIS Norm auf sich allein gestellt war.“
Quambusch und BBR haben diese Hürden gemeistert und mit insgesamt 85 Prozent der Punkte ein sehr gutes Ergebnis erreicht. „Mir wäre weniger lieber gewesen“, schmunzelt Quambusch.
„Dann hätten wir uns leichter verbessern können.“ Jetzt sei es die Herausforderung, von diesem hohen Niveau aus noch besser zu werden. In drei Jahren steht eine neue Zertifizierung an. Innerhalb dieser Zeit müssen die Fragen aber auch intern einmal durchgespielt werden. Doch bei BBR sieht man auch das sportlich. „Unsere Produkte sind zukunftsfähig. Deshalb möchten wir mit der IRIS-Zertifizierung eine solide Basis für unsere Wachstumsstrategie auf dem europäischen Markt schaffen“, sagt Bergmann.
Datum: 21 October 2008